Ich starre in den tristen Spiegel des Badezimmerschrankes, der sich im typischen Klinikstil nahtlos an die kalten Fliesen anschließt. Ich schaue hinein und versuche, mich zu sehen. Mich. Viola. Die, von der alle immer sagen, sie sei so fröhlich, so positiv, voller Lebensfreude.
Und nun bin ich auch noch endlich Mama geworden. Letzte Nacht habe ich dich geboren. Mit 37 Jahren. Ich sollte vor Glücksgefühlen überschäumen.
Doch je länger ich mir in die Augen sehe, desto trauriger werde ich. Ich erkenne mich nicht wieder. Es fühlt sich so an, als wäre bei dieser Geburt etwas von mir gestorben. Dabei sagen sie immer, bei einer Geburt würde nicht nur das Baby geboren, sondern auch die Mama. Aber wieso fühle ich mich dann nicht wie neu geboren?
„What the fuck… was war das denn bitte für ein Trip?", frage ich mich, gar nicht mal so leise, während ich immer noch in den Spiegel starre.
Ich bin allein im Doppelzimmer, noch ohne Zimmernachbarin. Währenddessen liegt mein Baby in ihrem kleinen Klinikbettchen mit Rollen. Damit ich dich überall hinschieben kann.
Ich muss pinkeln.
Dabei benutze ich die zuvor gekaufte Po Dusche und bin dankbar, dass ich mich wenigstens ein bisschen vorbereitet habe. Mein Urin brennt, als würde ich mich in einen Brennnesselbusch setzen. Der lauwarme Wasserstrahl aus diesem Plastikteil lindert den Schmerz zumindest ein wenig. Zum Abschluss kommt eine dieser überdimensionalen Wochenbettbinden in mein Netzhöschen, welches all das irgendwie zusammenhalten soll. All das, was sich gerade so kaputt anfühlt.
„Ob ich jemals wieder heil werde?", frage ich mich.
Dann höre ich dich quäken.
Ich wasche mir schnell die Hände, gehe zu dir und hebe dich aus deinem Bettchen.
Du bist da. Und du bist wunderschön. Mehr als das: Du bist perfekt. Und Gott sei Dank bist du gesund. Und in diesem Moment ist das alles, was zählt.
Mehr schlecht als recht versuchen wir einen erneuten Stillversuch. Ich bin so unsicher, und du bist so zart, machst deinen Mund auf wie ein kleiner Spatz. Die Hebammen sind meist nett, aber oft sehr eingespannt. Es ist schlicht weg viel zu wenig Zeit für echte Begleitung. Stattdessen höre ich immer wieder die gleichen Sätze:
„Das Baby muss die ganze Brust in den Mund nehmen." Oder: „Es darf nicht weh tun, sonst machen Sie etwas falsch."
Aber es tut weh. Also mache ich wohl alles falsch, denke ich. Und trotzdem beiße ich mich durch, damit du bekommst, was du brauchst.
Es ist Corona-Zeit. Dein Papa darf uns zwei Stunden am Tag besuchen und war zudem nur die letzten zwei Stunden der Geburt dabei. Diese Regel habe ich wirklich bis heute nicht verstanden. Als würde uns genau in diesem Moment etwas weggenommen werden, das eigentlich selbstverständlich UNSER DING sein sollte.
Aber von vorne.
Ich war zwei Tage über Termin und musste zur Untersuchung ins Krankenhaus. Weil deine Herztöne auffällig waren – meine spätere Hausgeburts-Hebamme meinte beim Durchlesen des Geburtsberichts, es hätte auch einfach ein schlafendes Baby sein können – behielt man mich dort. Das Aufklärungsgespräch über verschiedene Einleitungsmöglichkeiten ging völlig an mir vorbei. Einleiten? Wieso? Das fühlte sich alles so falsch an.
Auf dem Stationszimmer habe ich dann Dr. Google dazu befragt. Das, was ich las, hat mir kein gutes Gefühl gegeben. Zum Glück war es dann doch nicht so dringend bei mir und ich sollte erstmal nur alle drei Stunden zum CTG.
Glück? Oder war der Krankenhausaufenthalt vielleicht gar nicht zwingend notwendig? Diese Frage kam im Nachgang immer wieder bei mir auf. Eine klare Antwort werde ich darauf wohl nie bekommen.
Gegen Mitternacht haben dann meine Wehen von selbst eingesetzt. Ich schätze, weil mein Unterbewusstsein die Einleitung umgehen wollte. Dabei sage ich bewusst „Wehen" und nicht Wellen, denn sie kamen mit voller Wucht. Direkt stark. Direkt alle vier bis fünf Minuten. Es tat unbeschreiblich weh.
Ich weiß noch, wie ich mit dem roten Notknopf nach der Schwester gerufen und mich gleichzeitig gefragt habe, ob ich übertreibe. Ich bin kein Mensch, der gerne „umsonst" Hilfe holt. Aber ich konnte meine Beine vor Zittern nicht mehr bewegen und so fuhr sie mich im Rollstuhl Richtung Kreißsaal.
Dort fühlte ich mich in vielen Momenten ziemlich allein mit dem, was da gerade passierte. Ich hatte starke Schmerzen, war komplett überfordert und konnte mich überhaupt nicht auf dieses Erlebnis „Geburt" einlassen. Schon während der Schwangerschaft hatte ich mir fest vorgenommen, so natürlich wie möglich zu gebären und wollte definitiv keine PDA.
Ich bekam intravenös Paracetamol, was kurz half. Doch ich musste mich auch regelmäßig übergeben, was unglaublich viel Kraft gekostet hat. Darauf hatte mich niemand vorbereitet. Also wie ich da so in meinen Schmerzen und Brechanfällen lag, hatte ich das Gefühl von totalem Alleinsein und komplettem Ausgeliefertsein. Ich habe alles verflucht: meinen Mann („Ich will definitiv keine Kinder mehr!"), meine Hebamme aus dem Geburtsvorbereitungskurs („Wie soll man diese Schmerzen bitte wegatmen?!") – einfach alles und jeden.
Nach etwa vier Stunden habe ich es nicht mehr ausgehalten und die Hebamme um eine PDA gebeten oder besser gesagt: angefleht. Sie hat den Muttermund untersucht und meinte dann ganz erstaunt: „Oh, dafür ist es jetzt zu spät. Sie sind schon sehr weit. Sie können Ihren Mann anrufen."
Anrufen.
Was für ein absurder Moment. Ich konnte gerade noch seinen Kontakt anwählen, sprechen ging schon nicht mehr. Ich habe ihr das Telefon in die Hand gedrückt und sie reden hören.
Als mein Mann kam, fand er mich schreiend im Kreißsaal vor und versuchte irgendwie, mich zu unterstützen. Jegliche Berührung war mir aber zu viel, also blieb er bei mir und hat versucht, mich durchs Atmen zu begleiten.
Kurz darauf war Schichtwechsel und es kam eine andere Hebamme, die besser zu mir passte. Doch wegen grünem Fruchtwasser wurde eine Oberärztin dazu gerufen. Es ging plötzlich alles sehr schnell und dann hörte ich von der Hebamme, die da unten bei mir zu Gange war: „Ich sehe Haare!" In diesem Moment wusste ich: Du bist gleich da. Endlich. Doch meine Art zu pressen schien irgendwie falsch zu sein, was mir auch so kommuniziert wurde (wie krass, oder?!). Woraufhin es leicht hektisch in dem Raum wurde. Die Oberärztin wandte plötzlich, ohne mich zu fragen (!), den Kristeller-Handgriff an und grub sich mit ihrem Ellenbogen in meinen Bauch ein. Es war sowas von schmerzhaft, aber du warst da. Ich war am Ende und gleichzeitig einfach nur erleichtert, dass es vorbei war. Und ich war so froh, dass dein Papa da war.
Die zwei Tage und Nächte im Krankenhaus danach fühlten sich immer noch wie in einer anderen Welt an. Ich konnte kaum begreifen, was da passiert war. Dich in den Händen zu halten war wunderschön und zugleich hat es mich maximal überfordert. „Ich? Die komplette Verantwortung für dich kleines, hilfloses Wesen?" Ich hatte solche Angst, etwas falsch zu machen und dein Papa hat mir einfach sehr gefehlt.
Noch wochenlang hatte ich Schmerzen im Intimbereich. Alles war dick und geschwollen. Unser Stillstart war holprig. Meine Brustwarzen waren wund und blutig, das Stillen tat wahnsinnig weh und ich konnte mich in dieser Zeit kaum an dir erfreuen, weil ich so im Schmerz war.
Ich habe täglich geweint und mich wie die schlechteste Mutter der Welt gefühlt. Du hast zu viel abgenommen und wir mussten dich zufüttern. „Ich kann mein Baby nicht ernähren", schrie es immer wieder in meinen Gedanken laut auf. Zum Glück war mein Mann in dieser Phase so stark und hat sich quasi um alles gekümmert, auch sehr viel um dich. Nach etwa drei Wochen in meinem Delirium hatte aber auch er dann genug und mich mit diesen Worten aus meiner Misere rausgeholt: „Vio, wir brauchen dich hier! Dein Baby braucht dich! Ich brauche dich!" Ich erinnere mich noch genau, dass das so viel mit mir gemacht hat. Denn ich wusste, er hatte Recht und ich musste mich zusammenreißen. Für meine kleine Familie. Danach ging es langsam bergauf, wenn manchmal auch nur in Mini-Schritten.
Heute weiß ich: Das hatte nichts mit einem Versagen meinerseits zu tun.
Unser Start war einfach schwer.
Und erst Jahre später habe ich verstanden, dass diese Geburt für mich traumatisch war und dass so vieles von dem, was danach kam, damit zusammenhing.
Leider glaube ich, dass es vielen Müttern und Familien ähnlich geht. Vielleicht nicht genauso, aber ähnlich auf ihre eigene Weise.
Noch ein Grund mehr, darüber zu reden, zu schreiben und mehr Bewusstsein für die Themen Geburt und Wochenbett zu schaffen.
Und gleichzeitig wünsche ich mir durch das Teilen meiner Geschichte, dass Mamas und werdende Mamas wieder mehr zu ihrer Kraft und Selbstbestimmtheit finden. Dass sie sich vertrauen, dass sie spüren, dass ihre Intuition einen Platz hat und dass sie mit ihrem Baby bereits im Bauch in Verbindung gehen. Dass sie den Mut haben, nachzufragen. Warum wird etwas gemacht? Welche Alternativen gibt es? Muss das jetzt wirklich sein? Denn das alles hat mir leider bei meiner ersten Schwangerschaft und Geburt gefehlt!
Und noch etwas ganz Wichtiges: Du hast ein Recht auf deinen Geburtsbericht. Auch nachträglich. Wenn du verstehen möchtest, was passiert ist, fordere ihn an. Es kann unglaublich heilsam sein, die eigene Geschichte noch einmal zu lesen, einzuordnen und vielleicht sogar mit jemanden aufzuarbeiten.
An dieser Stelle möchte ich klar sagen: Ich will keine Angst vor einer Klinik-Geburt machen und ich bin auch nicht dagegen. Aber ich bin ganz klar dafür, sich mit diesem Thema wirklich auseinanderzusetzen und Frauen dazu zu animieren, selbstbestimmt zu gebären. Gebären ist so ein natürlicher, wundervoller Prozess, den wir als Frauen erleben dürfen. Ja, dürfen! Es ist ein Privileg Mama zu sein und definitiv eine Reise geprägt von Transformation. Warum lassen wir uns das von Ärzten oder irgendjemand anderem absprechen? Warum lassen wir uns so verunsichern?
Für mich war die Krankenhausgeburt rückblickend nicht die richtige Wahl. Aber auch wenn meine erste Erfahrung alles andere als einfach war, habe ich im Nachgang viel daraus mitgenommen und danach einiges bewusst anders gemacht.
Also ja – ich habe noch ein weiteres Kind bekommen. In einer Hausgeburt. Und diese Geburt war ganz anders. Selbstbestimmter. Ruhiger. Sehr anstrengend, aber auf eine Weise auch heilend. Ich freue mich jetzt schon darüber zu schreiben!
Vielen Dank fürs Lesen und ich freue mich, dass du hier bist und bereit bist, hinzuschauen. Auch auf die Aspekte, über die so oft nicht gesprochen wird. Zukünftig wirst du hier immer wieder neue Blogartikel finden. Melde dich gerne zu meinem Newsletter an. So kannst du mitlesen und mitfühlen. Sicherlich können wir noch einiges voneinander lernen!